Loney – Andrew Michael Hurley

Subtiles Unbehagen

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Gleich zu Beginn wird eine Leiche gefunden. Beziehungsweise das Skelett eines Babys. Unser namenloser Ich-Erzähler (wir erfahren nur seinen Spitznamen Tonto, den der neue Pfarrer im gegeben hat) berichtet von dem Fund. Es wurde an dem Strand gefunden wurde, an den er mit seiner Familie vor 40 Jahren hin pilgerte. The Loney heißt dieser Küstenabschnitt, irgendwo im Nordwesten Englands. Dort gibt es einen Schrein mit einer heiligen Quelle. Tontos Bruder ist geistig etwas zurückgeblieben und spricht nicht. Er kommuniziert mit Tonto indem er ihm gewisse Gegenstände zeigt, die eine Bedeutung beinhalten. Z.B. steht ein kleiner Plastikdinosaurier für eine Entschuldigung und ein Glas mit Nägeln bedeutet, dass er Kopfschmerzen hat. Die Eltern der beiden sind extrem religiös. Ihre Mutter ist überzeugt, dass durch Beten und festen Glauben Hannys Krankheit von Gott geheilt werden wird.

An dieser Quelle und diesem unwirtlichen Küstenabschnitt treffen tiefe Religiosität und heidnischer Glaube aufeinander. Von der ersten Seite an durchzieht ein ungutes Gefühl diese Geschichte. Denn das Hanny irgendwie Heilung fand, ist zu Beginn gleich klar. Der Alltag der Kinder ist düster, der Glaube und seine strikten und freudlosen Regeln, die Drohung des Fegefeuers drücken die Stimmung. Als die kleine Gruppe mit ihrem neuen geistlichen Beistand erneut zu ihrer Pilgerfahrt antreten, ist in dem Ort irgendwie alles anders. Dabei wollten sie alles so vorfinden wie früher. Das Gewohnte ist das Ziel. Und in dem Ort ist die Zeit normalerweise stehengeblieben „Ich hatte oft den Eindruck, dass es hier zu viel Zeit gab. Dass der Ort daran krankte. Davon heimgesucht wurde. De Zeit sickert nicht davon, wie sie es sollte. Sie konnte nirgendwohin verschwinden und es gab keine Moderne, die sie vorantrieb“ (S.49). Aber nun hat das gewohnte einen Riss.

Die kleine Pilgergruppe führt ihre Osterrituale auf, altchristliche und irgendwie heidnisch wirkende Handlungen, wie z.B. eine Marzipankugel, die den verräterischen Judas symbolisiert, ins Feuer zu werfen. Die Mutter hält verbissen an der Ordnung ihres Glaubens fest und an diese Rituale. In dem Cottage, in dem sie immer wohnten, entdeckt Tontos Vater einen versteckten Raum. Dort findet er ein Gefäß, das die Hexen fern halten soll. Als es zerbricht, steht auf einmal das Heidnische vor der Tür, wortwörtlich. Irgendwie baut sich da ein kleiner Machtkampf auf zwischen dem katholischen Glauben und dem heidnischen, der unwirtlichen und erbarmungslosen Natur, die die Strömung am Loney darstellt. Mittendrin sind Tonto und besonders Hanny.

Das Buch wird im englischsprachigen Raum als „Gothic Horror“ beworben. Ich kenne mich in dem Genre nicht so aus. Für richtige Horrorfans dürfte „Loney“ aber nichts sein. Der Horror ist sehr subtil. Hier geht kein Geist um und es gibt auch weder Zombies noch Vampire. Das Buch beantwortet auch nicht alle Fragen, ich selber bin am Ende immer noch etwas ratlos, was dort eigentlich passiert ist und was es mit dem Baby auf sich hat. Dieses Buch lässt viel ungesagt, erklärt nichts und nimmt unser Nichtverstehen in Kauf. Trotzdem, oder eher deswegen, habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es hatte mich sofort gepackt, obwohl es so düster ist und ich wieder einmal lesen musste, wie furchtbar sich Religiosität auf Menschen auswirken kann. Es ist mir ein Rätsel, wie man glücklich sein kann in diesem düstern christlichen Glauben, der einem so lebensunfroh und niederdrückend vermittelt wird. Das Leben Tontos als Kind war für mich der eigentliche Horror. Der heidnische Aspekt, der kleine Machtkampf dieser „Götter“ bzw ihrer Anhänger sind nicht minder beängstigend.

„Loney“ besticht vor allem durch seine schöne Sprache. Eigentlich passiert gar nicht so viel, es wird viel hin und her gesprungen, ein wenig vor zu der Zeit des alten Pfarrers und zurück zu den Erlebnissen mit dem neuen Pfarrer. Die Klammerhandlung um den erwachsenen Tonto nimmt nur wenig Raum ein, nur zu Beginn und dann am Ende. Aber irgendwas hat mich gefesselt an diesem düsteren Buch mit seinen Geheimnissen und seinem schönen Cover. Wahrscheinlich ist dieses Buch nicht für jeden etwas, aber mir hat es sehr gut gefallen.

5 Sterne

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Miranda Beverly-Whittemore -Bittersweet

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Ev Winslow ist reich, beliebt und wunderschön. Alles, was ihre College-Zimmergenossin Mabel nicht ist. Umso mehr freut sich Mabel, als Ev sie einlädt, den Sommer mit ihr in Bittersweet zu verbringen, ihrem eigenen Ferienhäuschen auf dem Landsitz der Winslows in Vermont. Mabel genießt die windzerzausten Segeltörns, das mitternächtliche Schwimmen, Sommerfeste unterm Sternenhimmel, an dem ein Feuerwerk strahlt. Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, hat sie alles, wovon sie je geträumt hat: Freunde, die erste Liebe, und zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, dazuzugehören. Doch auf die ungetrübten, flirrenden Tage fällt ein Schatten, als Mabel eine schreckliche Entdeckung macht, und sie entscheiden muss, ob sie aus dem Paradies vertrieben werden will – oder die dunklen Geheimnisse der Familie bewahrt, um endlich eine der ihren zu werden. Eine strahlende Familie, die das eigene Dunkel in den Abgrund reißen kann: Bittersweet erzählt von einer scheinbar idyllischen, glamourösen Welt und dem Wunsch einer Außenseiterin, Teil dieser Welt zu sein. Um jeden Preis.

Mabel ist mit einem Stipendium auf einer Eliteuniversität. Ihre Zimmergenossin ist die reiche und natürlich bildschöne Ev. Mabel, eher unscheinbar und etwas pummelig, möchte so sein wie Ev, möchte dazu gehören. Aber es dauert, bis Ev und sie auch Freundinnen werden und Ev Mabel bittet, mit ihr die Sommerferien auf dem Familenanwesen (oder besser gesagt im familieneigenen Urlaubsort) zu verbringen. Das diese wohlhabende und schöne Familie dunkle Geheimnisse hat, ist selbstredend. Und somit versprach das Buch, eine zwar irgendwie bekannte, aber dennoch unterhaltsame Geschichte bereit zu halten.

Bis zur Hälfte habe ich das Buch auch wirklich gerne gelesen. Danach wurde es immer mehr zu eine Art Verkehrsunfall: schrecklich, aber ich musste einfach weiter hingucken bzw weiterlesen.

Ein ganz großes Manko des Buches hat mich schon fast von Beginn gestört: Die Dialoge. Sie sind einfach furchtbar und werden immer furchtbarer im Laufe des Buches. So unnatürlich und gestelzt redet niemand. Ich hatte auch immer das Gefühlt, irgendwas verpasst zu haben innerhalb eines Gesprächs, weil die Figuren so sprunghaft und wage miteinander sprachen. Aber das hat mich bis zur Mitte des Buches nur peripher gestört. Zu sehr habe ich da noch Spaß beim Lesen gehabt. Mabel wandelt mit so großen Kinderaugen durch diese schöne reiche Welt, das man sich ihr gerne anschließt. Das sie selbst ein bescheidenes Elternhaus hat und das es da irgendein geheimnisvolles Unglück mit ihrem Bruder gab, ahnt man da schon. Mabel ist auch keine liebenswerte Person. Ich persönlich habe mit unsympathischen Hauptfiguren keine besonderen Probleme. Ich muss den Erzähler nicht mögen oder mich mit ihm identifizieren. Mabel ist in ihrem Neid, ihrer Wankelmütigkeit, ihrem Egoismus aber auch sehr real. In allen Problemen, die rund um Evs Familie auftauchen, denkt sie immer gleich, was es für sie und ihre Stellung in diesem Kreis bedeuten würde. Sie weiß auch, das sie nicht immer passend reagiert oder aus den falschen Gründen etwas empfindet. Das macht sie sehr real.

Mabel wird von einer von Evs Tanten auf das dunkle Familiengeheimnis angesetzt. Mabel scheut sich nicht, der Familie, die ihr so großzügig ihren Sommerurlaub finanziert, hinterher zu spionieren. Alle Personen bleiben schwer zu durchschauen, weil sie einfach so merkwürdig interagieren. Nach der Hälfte des Buches wird es leider immer merkwürdiger. Mabel und Ev sind ca 18 Jahre alt. Gerade Mabels Stellung zu anderen Personen in dem Buch wird stark überbewertet und wäre eher einer älteren Person angemessen. Allerdings verhalten sich die beiden aber doch eher wie 18jährige, besonders wenn es um Liebesdinge geht. Auch nimmt Mabel einen Flirt der 14jährigen Schwester von Ev extrem ernst. Mabels Position bzw ihre Wirkung auf die Familie werden nach der Hälfte geradezu unwahrscheinlich. Auch die ganze Situation in dem Urlaubsort ist eher märchenhaft. So reich wie die Familie ist, so ärmlich sind oft die Cottages. Es gibt nur ein Telefon in der ganzen Anlage und Handyempfang natürlich gar nicht. Zudem schlafen alle Beteiligten extrem viel. Wenn eine Person gerade nicht gebraucht wird, geht sie einfach zu Bett und fällt in einen tiefen Schlaf.

Fazit: die Geschichte verspricht zu Anfang viel. Auch finde ich die unsympathische Mabel sehr realistisch. Aber nach ca. der Hälfte des Buches kippt das Buch zusehends in Unglaubwürdige, alle bis dahin schon zu sehenden aber noch nicht entscheidenden Mängel treten immer stärker hervor und machen das Buch gegen Ende fast zu einem Märchen. Evt. ist es als Jugendroman angelegt und deswegen so schlicht aufgebaut. Dann hätte es aber so gekennzeichnet werden müssen und mich somit hätte warnen können. Diese ganze Familie, ihr Wohnsitz, alle Hundertdrölfzig urlaubende Verwandte, die Liebegeschichten, Mabels Stellung in der Geschichte machen das Ganze im Laufe des Buches zu einer sehr unwahrscheinlichen und realitätsfernen Angelegenheit. Bis ca. zur Hälfte habe ich mich, wie gesagt, noch relativ gut unterhalten gefühlt. Aber im letzte Viertel kippt den Buch derart ab ins Abstruse, das ich leider nicht mehr als 2 Sterne geben kann.

Der Titel „Bittersweet“ bezieht sich übrigens auf Evs Cottage, das diesen Namen trägt.

2 Sterne

Jonathan Evison – Umweg nach Hause

Dieses Buch habe ich bei http://www.vorablesen.de gewonnen

 

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Klappentext

Ben geht’s nicht gut – weder persönlich noch finanziell. Nach einem Crashkurs in »häuslicher Pflege« heuert er bei Trevor an, einem zynischen Jugendlichen, der im Rollstuhl sitzt. Gemeinsam fahren sie mit dem VW-Bus quer durch die USA, um Trevs Vater zu besuchen – eine Reise voller skurriler Abenteuer beginnt. Ben hat einen schrecklichen Schicksalsschlag hinter sich und besitzt keinen Penny mehr, als er die Pflege von Trev übernimmt, der unheilbar krank ist. Sein Vater Bob, ein hoffnungsloser Tollpatsch, sucht gleich nach der Diagnose das Weite, was ihm in der Familie natürlich keiner verzeiht. Doch Ben fühlt mit dem verstoßenen und reuigen Vater und überzeugt Trev, im Auto von Washington State nach Salt Lake City zu fahren, um ihn zu besuchen. Auf dem Weg nehmen sie die Anhalterin Dot mit und kommen an den verrücktesten Sehenswürdigkeiten vorbei. Sie gabeln eine reifenwechselnde Schwangere auf, werden von einem Auto verfolgt, in dem ganz jemand anderes sitzt als vermutet, und lernen schließlich, dass man sich irgendwann seinen Problemen stellen muss. Ein bewegender Roman voller skurriler Situationskomik, der glücklich macht.

 

„Umweg nach Hause“ ist ein phantastisches Buch. Phantastisch nicht in dem Sinne, das es phantastisch gut wäre, sondern das es eine phantastische, sprich unwirkliche Geschichte erzählt.

Ben hat durch einen schlimmen Unfall seine beiden Kinder verloren. In Folge dessen hat ihn seine Frau verlassen, die mit dem tragischen Verlust besser umgehen kann. Ben hat sich arrangiert, aber eigentlich ist er ohne seine Familie ein Versager. Er hatte schon in seiner Ehe keinen richtigen Job, seine Frau war die Ernährerin. Daran ist ja nichts auszusetzen. Aber im Grunde fühlt es sich deswegen elend. Und er fühlt sich natürlich an dem Tod seiner Kinder schuldig.

Einer seiner Jobs bringt in zu Trev, der an einer Muskelschwäche leidet und im Rollstuhl sitzt.Irgendwie brechen die beiden dann zu einem Roadtrip auf. Dabei lesen sie eine Anhalterin auf und treffen auf ein hochschwangeres Mädchen und ihren Freund. Alle landen bei Ben und Trev im Auto. So fahren sie quer durch die USA.

Der Klappentext verspricht diesen Roadtrip zu verrückten Sehenswürdigkeiten, wie z.B.das größte Loch oder Etagentoiletten. Der Trip beginnt aber erst nach ca. der Hälfte des Buches. Die Sehenswürdigkeiten, die vorher schon ein Thema waren, da Trev diese Dinge an einer Landkarte zu kartographieren pflegte, werden nur im Vorbeifahren abgehandelt. Das Buch verspricht da mehr als es hält. Im Grunde geht es um eine handvoll Egoisten, die um ihren eigenen Bauchnabel kreisen und nur so langsam irgendwie merken, das es andere Menschen gibt, die ebenfalls Probleme haben. Jeder einzelne suhlt sich in seinem Elend. So abstrakt die Figuren auch sind, diese Erkenntnis ist eine der wenigen wahren in dem Buch. Überhaupt ist dies ein merkwürdiges Buch. Es erzählt irgendwie eine wahllose Geschichte mit merkwürdigen Figuren. So etwas passiert nicht in real. Was das Buch dann zu einem Durchmarsch macht ist der lockere Erzählstil Der Autor kann wirklich gut schreiben. Er ist zugleich witzig und doch tiefgründig. Die Story ist auch OK, wenn sie auch über die ganze Zeit doch sehr konstruiert und unwirklich erscheint. So liest sich dieses Buch flott weg, ist aber eigentlich totales Zuckerwerk. Es ist gefällig und leicht zu konsumieren, hier und da ist ein guter und tiefgründiger Gedanke. Ein Feel-Good-Buch. Im Grunde erzählt es aber traurige Geschichten. Aber da es so absolut amerikanisch, so weltfremd und seltsam ist, packt es dann doch nicht wirklich. Die meisten Figuren nerven zudem. Ben ist nur weinerlich und absolut Ich-bezogen. Sogar seine Kinder nerven in den Rückblenden. Dot nervt. Trev nervt (jedenfalls zu beginn). Alle nerven irgendwie.

„Umweg nach Hause“ ist vorgeschobene Tiefgründigkeit, die nett unterhält, aber absolut nicht realitätsnah ist. Man kann dieses Buch durchaus als tiefgreifendes, trauriges Buch begreifen. Der Kernpunkt ist durchaus zu erkennen. Trotzdem hat mich das Buch nicht wirklich berührt (außer bei dem schrecklichen Unfall von Bens Kindern). Vielleicht liegt mir auch die lockere Art nicht, mit der hier mit den Tragödien umgegangen wird. Mir erschien es etwas zu gewollt. Trotzdem mochte ich den Schreibstil des Autors sehr. Somit bin ich etwas hin und her gerissen und bleibe deswegen bei der Punktevergabe in der Mitte.

 

3 Sterne