Giants – Sylvain Neuvel

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Ich lese nur selten SciFi, aber hier hat mich der Klappentext und sofort angesprochen. Ich hatte vor Wochen schon eine englische Leseprobe gelesen und war furchtbar neugierig. Das Buch entwickelt sich dann auch recht spannend. Überall auf der Welt sind Teile eines riesigen Roboters versteckt. Seine Technologie ist unserer weit voraus, selbst das Material ist unbekannt. Schon bald wird klar, das nur Außerirdische ihn gebaut und zurückgelassen haben können. Eine so mächtige Waffe ist gefährlich. Wer sie besitzt hat einen eindeutigen Machtvorsprung und ist unschlagbar. So wird der Roboter schon bald auch ein Streitpunkt unter den Staaten.

Was den Roman vor allem auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Erzählstruktur. Die Charaktere interagieren untereinander nur in Form von direkten Dialogen, Interviews. Zwischendurch gibt es auch kurze Tagebucheinträge. Längere Passagen sind selten. Das ist nicht wirklich neu, es gibt viele Bücher, die in Form von Interviews oder ähnlichem erzählt werden. Problematisch bei dieser Erzählform ist oft, das eben nur erzählt und erklärt wird. Die Handlung wird nicht wirklich gezeigt. Das macht mir meistens nichts aus, auch hier fand ich es nicht weiter störend. Zuerst wirkte das Ganze etwas distanziert und unterkühlt auf mich. Hauptakteur ist ein namenloser mysteriöser Mensch, der die ganze Aktion im Hintergrund leitet und Kontakte zu allen möglichen Leuten hat, inklusive dem amerikanischen Präsident. Er ist zu Beginn fast selber wie ein Roboter. Erst nach und nach schleicht sich persönliches ein, er wird zunehmend sarkastisch und zeigt seinen Sinn für Humor. Auch lernen sich die Charaktere untereinander besser kennen und so werden ihre Gespräche menschlicher und persönlicher. So findet trotz des schwierigen Stils eine Charakterentwicklung statt.

Die Story selber ist spannend und nicht sehr alienlastig. Die technischen Dinge halten sich in Grenzen und die politischen Verwicklungen ebenso. Zudem passiert auch viel im Hintergrund. Die Kapitel heißen „Files“ und sind durchnummeriert. Allerdings fehlen immer mal wieder Files. So kommt nach File 31 File 33. Wo ist denn die 32? Oder nach 129 folgt 141. Da wird uns Lesern wohl nicht alles erzählt.

Der Handlung dieses Buchs endet fast sogar rund. Man könnte es dabei belassen. Aber im Epilog macht uns der Autor gleich neugierig auf das Folgeband.

Ich weiß nicht, ob richtige SciFi-Leser mit diesem Buch zufrieden sein werden. Dafür mag es Lesern wie mir, die eigentlich selten  in diesem Genre unterwegs sind,  gefallen. Vergleiche zum „Marsianer“ finde ich unpassend. Die Bücher ähneln sich kein bisschen. Mir hat das Buch gut gefallen, es liest sich sehr flüssig und ich habe an den Figuren  und der Sache rund um den Roboter großen Anteil genommen. Ich bin schon sehr gespannt auf das nächste Buch. Im Englischen ist es schon angekündigt.

Ein Wort noch zum Cover: Es ist zwar ohne rechten Bezug, aber dieses mechanische Auge ist faszinierend und wunderschön gestaltet. Ich fand ja schon das englische Originalcover sehr schön und mysteriös, aber das Deutsche ist wirklich sehr gut gelungen.

4 Sterne

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Testament – Christopher Galt

Rezension:

Testament: Thriller (German Edition) - Christopher Galt, Kerstin Fricke

Auf der ganzen Welt haben Menschen unerklärliche Visionen. Ein Polizeibeamter erblickt das Gespenst seiner Frau in der Küche. Ein Passagierflugzeug stürzt ab, als der Pilot einem Vulkan ausweicht, der überhaupt nicht existieren dürfte. In Israel beobachten Menschen, wie sich das rote Meer teilt. Während Wissenschaftler von einer Virus-Epidemie ausgehen, sehen Religionsfanatiker die Hand Gottes am Werk. Der Psychologe John Macbeth untersucht das Phänomen. Und macht eine unfassbare Entdeckung …

Die Komplexität des Themas und die Ideenfülle lassen mich nach Beendigung dieses Buch etwas erschöpft zurück. Der Autor erschafft seine Geschichte durch Visionen, die die Menschen haben, durch verschiedene Wahrnehmungsebenen. Zum Teil ist das Buch sehr mit wissenschaftlichen Themen durchsetzt, es zieht sich aber ein roter Faden durch die Geschichte: was ist die Realität? Ist alles wirklich da, oder ist es erst da, weil wir hinsehen?

Zitat:
„Was wäre, wen ich nur in Ihrem Kopf existiere?“ Sie sah mich ernst an, und zum ersten Mal spiegelte ihr Gesichtsausdruck Gefühle wieder. „Haben Sie sich das noch nie gefragt? Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, dass all das, alles und jeder um Sie herum, nur in Ihrem Kopf existieren könnte? Woher wissen Sie, das ich schon da war bevor Sie hereingekommen sind?“

Überall auf der Welt erleben Menschen seltsame Dinge. Der Psychologe John Macbeth leidet selbst sein ganzes Leben unter Derealisierung- und Entpersonalisierungempfindungen. Sein emotionales Gedächtnis funktioniert nicht so gut. Er hat sich in die Forschung zurückgezogen und arbeitet in Kopenhagen an einem Projekt mit, das einen künstlichen Verstand, ähnlich dem menschlichen, entwickeln will. Doch gleichzeitig passieren überall diese Vorfälle. Er selber hat ebenfalls diese Visionen. Er erlebt zusammen mit seinem Bruder und vielen anderen Menschen ein Geister-Erdbeben. Alle Menschen purzeln durcheinander, ziehen sich Verletzungen zu, aber kein einziges Glas geht zu Bruch. In der Tat gab es in dieser Gegend einmal ein derartiges Beben, nur ist das schon viele Jahre her. Irgendwas passiert mit der Zeit. Menschen sehen und erleben Dinge, die lange zurückliegen. Diese sonderbaren Vorfälle ziehen natürlich religöse Gruppen an. Selbst die Präsidentin (!) der USA ist davon überzeugt, das das jüngste Gericht bevorsteht.

In Wissenschaftskreisen macht aber eine ganz andere Idee die Runde. Einige glauben zu wissen, was vorgeht. Sie denken, das die Realität, wie sie sie sehen, nicht existiert. Reihenweise begehen sie munteren Sinnes Selbstmord mit den Worten „Wir werden“ auf den Lippen.

„Testament“ ist ein sehr interessantes Buch. Es wirft viele Ideen auf, ist relativ wissenschaftlich und man findet viele Anregungen zum googeln. Macbeth ist ein sperrige aber nicht unsympathische Figur. Zwischendurch war ich auch etwas verwirrt aber ich war gespannt, wie sich alles auflösen würde. Mit dem Schluss, der dann spannungstechnisch nochmals anzieht, war ich zuerst nicht zufrieden, vielleicht auch, weil ich nicht alles verstanden habe. Physik war noch nie meine Stärke. Aber dann kam der Epilog. Der ist genial und erklärt auf 3 Seiten dann tatsächlich alles.

„Testament“ ist ein blöder Titel für dieses Buch. Ich habe keine Ahnung, um welches Testament es gehen könnte. Der englische Titel „Biblical“ erschließt sich mir auch nicht. Es kommen religiöse Dinge vor, aber für mich war es doch sehr wissenschaftlich. Es geht sogar eher um die Rivalität zwischen Wissenschaft und Religon. Gelegentlich hat man einen kleinen Matrix-Moment Der Erzählstil ist nüchtern, informativ und effektiv. Wer Wissenschaftsthriller mag und sich mal mit der Idee der verschiedenen Realitätsmöglichkeiten und den Gedankenspielen darum befassen mag, wird hier recht gut unterhalten. Insgesamt empfinde ich das Buch als sehr gut, alleine von seinen Ideen und seiner Komplexität her. Meine zusammengestammelte Rezi wird diesem ungewöhnlichen Buch in keiner Form gerecht.

Original post:
coriander.booklikes.com/post/1191573/testament-christopher-galt