Der Wille zum Bösen – Dan Chaon

37803865 4 Sterne

 

German review

„Der Wille zum Bösen“ ist ein höchst ungewöhnliches Leseerlebnis. Der Klappentext beschreibt einen relativ normalen Thriller. Dustins Eltern wurden ermordet als er ein Kind war. Sein Adoptivbruder  Rusty sitzt für diese Tat seit fast 30 Jahren in Haft. Er und seine Cousine Kate, deren Eltern ebenfalls getötet wurden, waren die Hauptzeugen. Nun kommt Rusty frei, da ein neues Urteil ihn für unschuldig erklärte. Dustin ist inzwischen Therapeut. Einer seiner Patienten ist ein ehemaliger Cop. Er ist besessen von der Idee, dass ein Serienmörder schon seit Jahren sein Unwesen treibt und junge Männer in Flüssen ertrinken lässt. Vielleicht ist es aber auch eine satanische Sekte. Dustin lässt sich in dessen Verschwörungstheorien hineinziehen. Währenddessen zerfällt seine Familie nach dem Krebstod seiner Frau. Was auch in meinen eigenen Worten wie ein relativ normaler Thriller klingt, ist tatsächlich eine ziemlich bizarre Geschichte.

 

Die Story wird aus der Sicht von mehreren Personen und auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Gemein ist allen Figuren, das sie unglaubwürdig sind und an ihrer eigenen Sichtweise der Geschehnisse beharren. Aber auch im Stil ist dieses Buch ungewöhnlich. Dustin hat die Eigenart, seine Sätze nicht zu beenden. Deswegen enden seine Sätze in Buch tatsächlich einfach so. Ohne Punkt hört plötzlich sein Satz auf. Auch meint man manchmal Schreibfehler oder formale Fehler zu finden, wie z.B. zu große Wortzwischenräume. Das Buch verwirrt nicht nur durch seine seltsame Story sondern auch durch seine Umsetzung. Die Kapitel sind oft sehr kurz, nur 1-2 Seiten lang. Manche Kapitel lesen sich, als ob jemand im Drogenrausch sie erzählt. Andere sind wiederum sehr normal. Manche Kapitel sind in einer Art Tabellenform erzählt. Man muss erst die erste Spalte lesen, über mehrere Seiten, dann die zweite und dann die dritte. Das ist alles höchst ungewöhnlich.

 

Trotz seines seltsamen Stils hat das Buch mich die ganze Zeit gefesselt. Alle Figuren haben ihre eigene Art, mit der Wahrheit umzugehen. Besonders Dustin ist sehr geübt darin, Dinge, die er nicht wahrhaben will, auszublenden. Er traut seinen Erinnerungen nicht, denn Erinnerungen können beeinflusst werden. Das weiß er als Therapeut sehr genau. Er ist zudem ein sehr leicht zu beeinflussender Mensch. Er ist zu vertrauensselig und der Ex-Cop, der sein Patient ist, weiß das für seine „Ermittlungen“ auszunutzen. Leider bleiben zum Teil einige Fragen am Ende offen. Wer hier wen manipuliert hat, das muss der Leser dann für sich selber entscheiden.

 

Wer sich auf dieses Buch einlässt, muss auf jeden Fall bereit sein, sich von den üblichen Stilmitteln zu verabschieden. Belohnt wird man mit einem sehr ungewöhnlichen Buch, das sich von der normalen Thrillerkost extremst abhebt

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Der Kreidemann – C.J. Tudor

39931348  5 Sterne

German book – German review

„Der Kreidemann“ ist ein sehr atmosphärischer und gut geschriebener Psycho-Thriller, der mit einer originellen Story besticht.

 

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. Hauptakteur ist bei beiden Eddie. In der Zeitebene 1986 ist er zwölf Jahre alt. Mit seinen Freunden Mike, Fat Gav, Hoppo und Nicky findet er in den Sommerferien eine Leiche. Die Tote ist ein Mädchen aus dem Ort, das bei einem schrecklichen Unfall entstellt wurde. Bei diesem Unfall war Eddie ebenfalls Augenzeuge.

 

In der zweiten Zeitebene, Heute, führt Eddie (oder nun Ed) ein freudloses Leben als Lehrer in seiner kleinen Heimatstadt, in der damals der Mord geschah. Er trifft immer noch Hoppo und Gav. Doch die Geschehnisse aus der Vergangenheit holen ihn ein.

 

Über die Handlung sollte man nicht allzu viel wissen, finde ich. Die Story lebt aber vor allem von der Stimmung. Die Autorin kann wunderbar mit wenigen Worten eine Szene umreißen. Die Personen werden schon nach wenigen Seiten sehr plastisch. Überhaupt hat mich die Schreibweise schon nach wenigen Seiten am meisten überzeugt. Die Story ist soweit OK und plausibel. Die persönlichen Verwicklungen der einzelnen Figuren untereinander sind nachvollziehbar beschrieben. Eddie ist auf beiden Erzählebenen eine sowohl sympathische aber auch ambivalente Figur. Kleine Dinge machen ihn ebenso unheimlich wie er eigentlich sympathisch ist. Ich wusste nicht, ob ich seinem Bericht trauen soll, obwohl er so nett rüberkommt als Figur. Die ganze Sache um die Kreidemännchen, diverse Charaktere und die Dynamik der Freundschaft ist schon recht komplex. Zugleich ist das Buch aber auch relativ entspannt und ruhig erzählt. Trotzdem empfand ich es als spannend. Oft enden die Kapitel mit einer kleinen Andeutung auf Kommendes. Aber der nächste Abschnitt spielt dann wieder in der anderen Zeitebene und man will schnell weiterlesen und so fliegen die Seiten nur so dahin.

 

Mir hat an diesem Buch vor allem der Schreibstil gefallen. In den Rückblenden kommt ein wenig Nostalgie auf. Man muss an Filme wie „Stand by Me“ oder auch „Stranger Things“ denken. 5 Kinder im frühen Teenie-Alter sehen sich einer Gefahr aus der Erwachsenenwelt gegenüber. Einer davon, Ed, muss sich diesen Ängsten als Erwachsener wieder stellen. Dabei ist er an einigen Dingen nicht ganz unschuldig und ist in diesem Sinne ein unzuverlässiger Erzähler.

 

Mir hat dieses Buch, trotz des einen oder anderen Makels, sehr gut gefallen. Es ist flüssig zu lesen, gut geschrieben, sehr menschlich und nachvollziehbar und auch spannend (auf eine leise Art). Es hebt sich auf angenehme Art von der Einheitskost im Thrillergenre ab. Mich hat „Der Kreidemann“ überzeugt.

Paula Daly – Stiefmutter

39666532  3,5 Sterne

Dies ist bereits mein drittes Buch von Paula Daly. Ihr Name steht für mich für gute und durchdachte Krimis und den wunderschönen Handlungsort Lake District. In diesem Buch besticht sie vor allem durch ihre starke Figurenzeichnung. Mir war der Begriff „Tigermutter“ noch gar nicht bekannt. Ich musste es erst googeln. Auf Karen trifft der Begriff exakt zu. Sie will nur das Beste für ihre Tochter Brontë und das Beste bedeutet für sie Erfolg im Leben. Der lässt sich aber nur mit harter Arbeit erreichen und deswegen gibt es weder Freizeit noch Spielen für die 10jährige. Karen fährt Brontë vom Musikunterricht zum Ballett und von da aus zur Mathenachhilfe. In der Autorfahrt dazwischen ist dann Zeit zum Essen und Leseübungen. Karen ist ein sehr unsympathischer und kalter Charakter. Die kleine Brontë kann einem leidtun.

 

Karen ist mit Noel verheiratet. Für ihn ist es schon die zweite Ehe. Er hat seine erste Frau Jennifer wegen Karen verlassen. Jennifer ist inzwischen an MS erkrankt und lebt in einem Heim. Dadurch wohnt ihre gemeinsame Tochter Veritiy seit einiger Zeit bei ihnen. Karen und Verity verstehen sich gar nicht und es kam auch schon einmal zu einem unschönen Vorfall.

 

Eines Nachmittags, eine Klavierstunde fiel überraschend aus, nimmt Verity Brontë mit auf den Spielplatz. Sie lässt sie kurz bei ihren Freundinnen und besucht ihre Mutter im Heim. In diesen wenigen Minuten verschwindet Brontë. Doch einen Tag später taucht sie gesund und munter wieder auf und hat nur eine lahme Erklärung dafür, wo sie war. Doch dann passiert noch etwas weitaus schlimmeres.

 

Paula Daly hat eine klare und flüssige Schreibweise. Wie schon erwähnt, sind in diesem Buch vor allem die Figuren beeindruckend. Karen ist als extremer Charakter sehr gut gelungen. Man muss sie einfach hassen. Die Polizistin Joanne ist der Sympathieträger der Geschichte. Kleine persönliche Dinge lassen sie sehr lebensecht erscheinen. Noel ist ein wenig Rückratlos. Ich empfand ihn als sehr schwachen Menschen, der sich seiner resoluten Frau gegenüber nicht durchsetzen kann. Aber gerade durch seine Fehler ist er ebenfalls eine sehr glaubwürdige Figur. Die Krimihandlung ist solide und durchaus spannend. Lange tappt Joanne im Dunklen, der Fall bzw. die beiden Fälle, die sich ereignen, sind rätselhaft. Die Story ist ein Mix aus häuslichem Drama, Krimi und der daraus resultierenden Polizeiarbeit.

 

Das Buch lässt sich gut weglesen und ist flüssig geschrieben. Für mich war es jetzt kein Lesehighlight aber durchaus unterhaltsam.

 

Ich habe das Buch vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich herzlich bedanken möchte

Lauren Groff – Licht und Zorn

31571642  3,5 Sterne

Alles an Lotto (Lancelot) ist überlebensgroß. Sein Charme, seine Aura, seine Körpergröße, seine Güte, seine Schönheit. An ihm ist alles groß und einnehmend. So warmherzig und gutmütig er ist, so eitel und selbstverliebt ist er ebenfalls. Er braucht Bewunderung wie die Luft zum Atmen und will geradezu zwanghaft von allen gemocht werden. Zum Glück tun das auch alle.  Alle Menschen erliegen Lottos Charme. So auch Mathilde. Als sie sich im College begegnen, ist für beide klar, dass sie für einander geschaffen sind und auf ewig zusammen bleiben. Da er grundsätzlich nur das Gute in Menschen sieht, ist Mathilde für ihn eine Heilige. In seinen Augen ist sie rein und gut. Sie hält ihm den Rücken frei, als er ohne Erfolg seinen Schauspielambitionen nachhängt. Als ihm schließlich der Durchbruch als Dramatiker gelingt, ist sie ebenfalls für ihn da und ebnet sein Leben. Lottos Leben ist lichtdurchflutet und diese Lichtquelle ist Mathilde.

 

Der erste Teil des Buches zeigt Lottos Leben aus seiner Sicht. Lotto ist bei aller Herzensgüte ein Egozentriker, den ich schon aus Prinzip nicht mochte. Wenn ich nicht gewusst hätte (aus anderen Rezensionen), dass mich ein anders gearteter zweiter Teil erwarten würde, hätte ich das Buch evtl. abgebrochen. Zu ermüdend war die Geschichte teilweise. Ich empfand auch den Schreibstil der Autorin zwar als durchaus blumig und fast poetisch, aber auch anstrengend. Hier ist alles überlebensgroß und dramatisch. Die Handlung ist fast ein wenig zu phantastisch, die Charaktere alle zu extrem. Ich habe einige Teile nur quergelesen und wollte endlich zu Mathildes Teil kommen.

 

Mathilde ist nicht, wer hätte es gedacht, die Heilige, für die Lotto sie hält. Sie liebt Lotto und er ist ihr Leben, aber sie hat die Fäden in der Hand ohne das Lotto es merkt. Weite Teile ihres Lebens und ihres Charakters hält sie vor ihm versteckt. Ich frage mich, ob es wirklich möglich ist, jahrzehntelang so viel von sich unterdrücken zu können. Auf den zweiten Teil möchte ich handlungsmäßig nicht weiter eingehen. Zu leicht wäre die Gefahr, zu viel zu verraten. Mathilde ist ein weitaus schwierigerer Charakter als Lotto und nicht unbedingt liebenswert. Sie ist verschlossen, manipulativ und zornig. Es gibt auch einige Wendungen zu viel und einiges ist doch arg unrealistisch.

„Licht und Zorn“ ist nicht das klassische Ehedrama, das man vielleicht erwarten würde. Lotto und Mathilde lieben sich sehr, hier gibt es keine Zerfleischung. Hier stellt sich mehr die Frage, wie gut man den Mensch an seiner Seite wirklich kennt. Vor allem wenn er so verschlossen ist wie Mathilde. Zumindest Lotto kannte seine Ehefrau nicht wirklich. Es mag seiner eigenen Selbstwahrnehmung geschuldet sein, das er seine Frau so wenig hinterfragte. Es sah sie so, wie er sie sehen wollte und Mathilde spielte mit, weil sie der Mensch sein wollte, den Lotto in ihr sah.

 

Grundsätzlich hat Lauren Groff einen schönen Schreibstil. Aber irgendwie wirkte er verfehlt. Es ist oft einfach zu viel, over-the-top, und macht die Geschichte fast zu einer Phantasiegeschichte da sie so unrealistisch ist. Die Story kommt auch nicht so richtig auf den Punkt und mäandert vor sich hin. Es war oft etwas ermüdend. Ein wenig Straffung hätte dem Buch gutgetan.

 

Irgendwie habe ich etwas anderes erwartet als ich mit diesem Buch bekommen habe. Das ist nicht unbedingt schlecht und auch nicht der Fehler des Buches. Ich bin auch froh, dass ich es gelesen habe obwohl ich mich gelegentlich etwas durchgequält habe. Aber irgendetwas ist unter all der blumigen Wortgewalt verborgen, denn das Buch hat ein Gefühl in mir ausgelöst. Es hat mich traurig zurück gelassen. Auch wenn ich nicht ganz glücklich bin mit dem Buch, so soll meine Rezension kein Verriss sein. Denn wenn ein Buch ein so starkes Gefühl bei mir als Leser auslösen kann, dann hat es doch etwas richtig gemacht.

The Ascent – Der Aufstieg – Ronald Malfi

34388332  4 Sterne

Ich bin ein großer Fan von Büchern, die sich mit Bergsteigen beschäftigen. Ganz besonders, wenn es um die Gegend rund um den Mt. Everest geht. Dieses Buch passte somit genau in mein Beuteschema.

Zuerst geht es ganz geruhsam zu. Wir lernen Tim kennen. Er ist – oder war – Bildhauer. Seine Frau hat ihn vor einiger Zeit verlassen, weil er seiner Arbeit immer den Vorzug gab. Kurz nach ihrer Trennung kam Hannah mit ihrem neuen Partner bei einem Unfall ums Leben. Die Trennung und besonders Hannahs Tod haben Tim völlig aus der Bahn geworfen. Er verliert sich in Extremsportarten und trinkt exzessiv. Bei einer leichtsinnigen Höhlenkletterei kommt er beinahe ums Leben. Als er so in dieser Höhle lag und dachte, er müsste sterben, glaubte er, Hannahs Geist zu sehen. Sie gab ihm Kraft in dieser Situation und half ihm, zu überleben. Zumindest glaubte er das in dem Moment. Während er seine Verletzung auskuriert und säuft, glaubt er immer wieder Hannahs Geist aus den Augenwinkeln zu sehen. Tim fürchtet, dass er seinen Verstand verliert. Da kommt ihm das Angebot eines alten Freundes von Hannah gerade recht. Andrew stellt gerade eine kleine Truppe Kletterer zusammen, mit denen er das geheimnisvolle Tal der Seelen in Nepal aufsuchen will, das noch keiner außer den Einheimischen betreten haben soll.

Die Stimmung des Buches ist von vorne herein sehr düster. Tim suhlt sich in Selbstmitleid und Alkohol. Nach und nach in Rückblenden erfahren wir, wie er Hannah kennenlernte und wie sie sich auseinanderlebten. Die Hauptstory ist aber der Trip zum sagenumwobenen Tal der Seelen. Die Tour steht unter keinem guten Stern. Die Truppe besteht aus lauter Alphamännchen und muss sich erst zusammenraufen. Schon bald stoßen sie auf Schwierigkeiten, der Aufstieg ist gefährlich und dann gibt es den ersten Toten.

Das Buch wird vom Verlag als Thriller beworben. Das war mir vor dem Lesen gar nicht bewusst. Für mich war es über weite Teile aber eher eine Abenteuergeschichte mit düsterem Hintergrund und leicht paranormalen Anklängen, die aber auch dem Zustand der Hauptfigur zugeschrieben werden können. Die Thrillerelemente kommen erst zum Schluss zum Vorschein. Da wird es dann sogar sehr spannend. Da ich zu Beginn nicht wusste, dass es ein Thriller sein sollte, habe ich auch nichts vermisst. Für mich war es aber auch so sehr spannend. Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen. Das Buch liest sich flüssig und die Seiten flogen nur so dahin. Ich bin, wie ich schon sagte, ein williges Opfer für derartige Storys um masochistische Bergsteiger. Der leicht mystisch-mysteriöse Touch hat mir auch sehr gut gefallen. Er ist gut eingebettet in die Story.

Dem Autor ist ein homogener Mix aus Mystery, Thriller und psychologischer Horrorstory gelungen. Für mich war „Der Aufstieg“ kurzweilige und spannende Unterhaltung.

Ich habe das Buch von Netgalley.de und dem Luzifer-Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Die Hochstapler – Sabine Durrant

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German book – German review (englisch title: „Lie With Me“

Paul Morris ist ein notorischer Lügner. Er ist charmant und gutaussehend und zehrt von einem kurzen Ruhm als Schriftsteller. Vor 20 Jahren veröffentlichte er ein Buch, das sehr erfolgreich war und mit guten Kritiken bedacht wurde. Seitdem hat er nichts Gescheites mehr zu Papier gebracht und schnorrt sich durchs Leben. Nun sieht er sich gezwungen, mit 44 Jahren wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Da trifft er zufällig einen alten Freund wieder, der ihn zu einem Abendessen bei ihm einlädt. Dort lernt er die wohlhabende Witwe Alice kennen. Eigentlich ist sie zu alt für ihn, denn er verführt sonst nur junge Frauen. Aber aus Langeweile trifft er sich mit ihr. Dabei fällt ihm auf, dass sie durchaus Vorteile für ihn bereithält. Da sie Kinder hat, kann er immer mal bei ihr übernachten und auch Essen, was seiner prekären Situation bezüglich Wohnung und Einkommen sehr entgegenkommt. Als er erfährt, dass Alice mit ihren Kindern und Freunden den Sommer in Griechenland verbringen will, setzt er alles daran, auch eingeladen zu werden.

 

Paul ist ein charmanter und arroganter Unsympath. Er lügt bei jeder Gelegenheit, auch wenn es sich nur um Kleinigkeiten handelt. Er will immer gut dastehen, aber leider ist seine private Situation alles andere als glänzend. Er ist immer schon so durchs Leben gekommen. Dabei weiß er um seine Fehler, aber er ist so von sich überzeugt, dass er felsenfest glaubt, alle anderen mit seinem Charme und Witz zu täuschen.

 

Das Buch kommt erst langsam in Fahrt. Wir lernen erst Paul gut kennen und die Beziehung zu Alice baut sich auf. Mich hat sogleich die Sprache der Autorin begeistert. Paul ist der Ich-Erzähler, und die Art, wie er in selbstgefälligem Plauderton die Geschichte erzählt, empfand ich als sehr unterhaltsam. Er ist keine sehr sympathische Figur, aber ich fand die Erzählung sehr amüsant. Dabei habe ich aber schon bald eine unterschwellige Spannung verspürt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass Paul reflektiert und überlegt, wann er die ersten Anzeichen, dass etwas schief lief, hätte bemerken müssen. Unter der heißen griechischen Sonne entfaltet sich langsam eine hinterlistige und erschreckend kaltblütige Story.

 

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Das lag vor allem an der Figur Paul, an der Sprache und an der düsteren Stimmung, die rund um den Lebenskünstler Paul herrscht und die er nicht bemerkt. „Die Hochstapler“ ist ein flüssig zu lesendes, unterhaltsames und kurzweiliges Buch.

Die Angst schläft nie – Rachel Caine

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German book, German review

Gina führt das Leben einer normalen Hausfrau mit Mann und zwei Kindern bis eines Tages ein Betrunkener mit seinem Auto in ihre Garage fährt. Ihr Mann hat dort offensichtlich nicht nur seinem Hobby, dem Schreinern, gefrönt, sondern hatte auch noch eine weitere Lieblingsbeschäftigung. Sie muss erkennen, dass sie mit einem Monster verheiratet ist und es über viele Jahre nicht gemerkt hat. Wer denkt schon, dass der normale und liebenswürdige Ehemann ein Serienkiller ist und in besagter Garage Frauen quälte.

 

Nun ist Gina, die sich nun Gwen  nennt, seit Jahren auf der Flucht. Nicht vor Mel, ihrem nunmehr Ex-Mann, sondern Leuten, die einfach nicht glauben können, das sie von den furchtbaren Morden nichts wusste sondern vielmehr seine Helferin war. Gwen stand vor Gericht, wurde aber frei gesprochen. Mit Hilfe von einem anonymen Hacker beschafft sie sich neue Identitäten, denn sie muss immer mal wieder umziehen, wenn irgendwer doch ihren neuen Aufenthaltsort herausfand und sie mit Drohungen terrorisierte. Ihren Kindern macht das Leben in ständiger Alarmbereitschaft schwer zu schaffen. Sie wechseln dauernd die Schule, haben nie Freunde, dürfen nur sehr eingeschränkt ins Internet und auch die Telefonate mit der Oma müssen sehr vage gehalten werden, falls wer mithört. Derzeit ist sie in Stillhouse Lake. Dort ist es idyllisch und die Kinder beginnen sich wohlzufühlen. Sie alle möchten endlich irgendwo heimisch werden. Doch auch hier fühlt sie sich bedroht und beobachtet. Und dann wird die Leiche einer Frau im See gefunden und der Modus Operandi ist genau der von Mel.

 

Das Buch legt gleich gut los. Gina kommt nach Hause und findet eine Menschenmenge vor ihrem Haus. In ihrer Garage hängt eine furchtbar zugerichtete Frauenleiche und ihr Mann wird verhaftet. Von Gina erfahren wir nicht mehr viel, wir lernen eher ihr neues Ich, Gwen, kennen. Die ist wesentlich härter, trainierter und kämpferischer. Aber verständlicherweise auch sehr paranoid. Es ist erschreckend, sich vorzustellen, dass Menschen im Internet sich zusammenrotten und Mordphantasien über sie und ihre Kinder von sich geben. Leider verstecken sich nicht alle hinter ihren Bildschirmen. Einige schreiten auch zur Tat, was sie immer wieder leidvoll erfahren musste.

 

Es ist aber gerade diese Paranoia, die Gwen zu einem schwierigen und anstrengenden Charakter machen. Sie ist manchmal oft hysterisch und trifft im Laufe des Buches auch einige sehr dumme Entscheidungen, die ihre Situation verschlimmern. Die Story ist spannend und der Ansatz, mal aus der Sicht der Ehefrau eines Psychopathen zu schildern, ist auch interessant. Zu Anfang ist die Story noch etwas behäbig, Gwen und ihre Situation werden ausgiebig beschrieben. Zum Ende zieht die Spannung dann an.

 

„Die Angst schläft nie“ ist ein unterhaltsamer und kurzweiliger Thriller. Negativ ist mir neben der sehr anstrengenden Gwen aber vor allem der überdramatisierende Schreibstil aufgefallen. Bei Gwen ist ständig alles im Extremzustand. Ständig „zerbricht“  in ihr etwas, ihr Innerstes bricht in Stück oder alles in ihr ist aus Glas und zerbricht. Es ist alles immer hochdramatisch und am Limit. Auch die Dialoge sind oft etwas hölzern und gestelzt. Gwens Leben ist bestimmt dramatisch und hochkompliziert und sie hadert sehr mit sich, weil sie ihren Kindern so vielen Regeln auferlegen muss. Trotzdem ist mir der Schreibstil etwas zu aufgeregt. Deswegen gibt es von mir einen Stern Abzug.

 

Das Ende weist auf einen zweiten Band hin, der im Englischen auch schon angekündigt wird. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich weiterlesen werde. Das Buch hat mir gut gefallen, aber ich weiß nicht, ob ich Gwen weiterfolgen möchte. Zudem fürchte ich, dass ein weiteres Buch über sie wie eine Neuauflage dieser Geschichte werden könnte.