Das Echo der Wahrheit – Eugene Chirovici

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E.O. Chirovici hatte mit seinem Roman „Das Haus der Spiegel“ einen vielschichtigen und ungewöhnlichen Roman geschrieben und damit einen internationalen Bestseller gelandet. Da war die Erwartungshaltung für sein neues Buch natürlich groß.

 

Auch hier geht es um die menschliche Erinnerung. Der Psychiater James Cobb wird nach einem seiner Vorträge von einem Mann angesprochen. Er würde gerne seine Dienste als Arzt in Anspruch nehmen. Cobb ist zuerst abgeneigt, aber dann wird er doch neugierig und da er nichts Besseres zu tun hat, nimmt er das Angebot des wohlhabenden Joshua Fleischer an, ihn in seinem Anwesen zu besuchen. Fleischer hat Leukämie und nicht mehr lange zu leben. Es liegt ihm aber etwas auf dem Gewissen. In seiner Jugend verbrachte er einige Zeit zusammen mit seinem Freund Abraham in Paris. Dort verliebten sie sich beide in die Französin Simone. Doch eines Abends verschwand Simone. Fleischer hat nur noch ungenaue Erinnerungen an den Abend und er hat das dumpfe Gefühl, das er sie vielleicht ermordet haben könnte. Er möchte, das Cobb ihn hypnotisiert und somit vielleicht verschüttete Erinnerungen freilegen kann. Die Sitzungen verlaufen gut, Fleischer scheint sich zu erinnern, aber er spricht mit Cobb nicht darüber. Cobb reist ab und kurz danach stirbt Fleischer. Cobb aber ist von dieser Geschichte um Fleischer, Abraham und Simone fasziniert und beginnt, auf eigene Faust in der Vergangenheit seiner verstorbenen Klienten herumzuforschen.

 

Das Thema der menschlichen Erinnerung ist faszinierend. Auch in diesem Roman spielt Chirovici mit der Erkenntnis, dass wir selber schon im Moment des Erlebens unsere eigene Version abspeichern und nicht unbedingt dass, was wirklich passiert ist. Unser Gehirn interpretiert und selektiert und bildet unsere eigene persönliche Wahrheit. In diesem Buch lässt er jeden Protagonisten seine eigene Version der Dinge erzählen und jede klingt plausibel. Doch sie unterscheiden sich alle in wichtigen Details. So faszinierend das ist, so ist es doch auch eine Schwachstelle des Buches. Denn hier wird viel geredet und wenig gehandelt. Alle Figuren erzählen eine Geschichte aus der Vergangenheit und in der Gegenwart passiert wenig. Cobb reist ein wenig hin und her und redet mit Menschen. Das macht die Story nicht gerade zu einem Pageturner. Eine gewisse Spannung baut sich dennoch auf, schließlich will man ja wissen, was damals passierte. Im Gegensatz zum „Haus der Spiegel“ fällt dieses Buch aber ab. Zu keiner Zeit erreicht es die Komplexität seines Vorläufers. Im Nachwort kann man lesen, dass „Das Echo der Wahrheit“ tatsächlich zuerst geschrieben wurde. Es liest sich in der Tat wie ein Vorläufer, eine Fingerübung zum eigentlichen Hauptwerk. Vom Ende war für mich überraschend. Ich hatte zu sehr auf eine andere Wendung gewartet, die nicht eintrat. Allerdings wurden dadurch, dass meine Vermutung nicht stimmte, einige Fragen für mich nicht restlos beantwortet. Auch empfand ich das aggressive Nachforschen Cobbs in der Vergangenheit eines verstorbenen Patienten als sehr grenzwertig. Immerhin hatte er eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Die Faszination, die diese Geschichte auf ihn ausübt, ist auch nur bedingt nachzuvollziehen und muss man einfach akzeptieren.

 

Chirovicis Schreibstil ist distanziert und kühl. Er schreibt schnörkelos und fast ein wenig altmodisch. Die Spannung ist unterschwellig. Die Thematik bleibt interessant, auch wenn im Nachhinein dieses Buch wie eine Wiederholung (oder halt Vorläufer) für „Das Haus der Spiegel“ wirkt. Ich hätte mir ein wenig mehr Tiefe gewünscht und vielleicht auch ein wenig mehr von der Arbeit Cobbs. Trotzdem ist „Das Echo der Wahrheit“ eine angenehme Abwechslung vom Krimieinerlei.

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Das Tal der Puppen – Jaqueline Susann

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„Das Tal der Puppen“ war mir schon lange ein Begriff, aber ich hatte bisher weder das Buch gelesen noch den Film gesehen. Ich wusste wage, worum es ging und es ist mir immer mal wieder über den Weg gelaufen. Nun habe ich endlich diese kleine Bildungslücke geschlossen.

 

Es geht um 3 junge Frauen, die aus ähnlichen Gründen 1945 nach New York kommen. Anne kommt aus gutem neuenglischem Haus. Aber sie will  mehr als in ihrer Kleinstadt bleiben und irgendeinen netten Mann heiraten so wie es alle Mädchen machen. Sie will was erleben und sie will arbeiten. Sie bekommt eine Stelle in einer Agentur, die Broadwaystars betreut. In ihrem Wohnheim lernt sie die sehr junge Neely kennen, die in drittklassigen Aufführungen auftritt und davon träumt, ein Star zu werden. Jennifer ist schon so etwas wie ein Star. Jedenfalls bekommt sie kleinere Rollen und auch ihr Privatleben ist von öffentlichem Interesse. Während Neely tatsächlich Talent hat, fällt Jennifer vor allem durch ihre Schönheit auf. Allen dreien gelingt auf unterschiedliche Weise eine erfolgreiche Karriere. Doch man sollte vorsichtig sein, was man sich wünscht. Es könnte in Erfüllung gehen. Denn keine von ihnen wird mit dem Erfolg das bekommen, was sie sich einst erträumt hat.

 

Man merkt diesem Buch an, das es vor 50 Jahren geschrieben wurde. Es ist allerdings auch erschreckend, das solche Ansichten und Einstellungen vor allem Frauen gegenüber „erst“ 50 Jahre alt sind. Es ist teilweise unfassbar, wie Männer über oder mit Frauen reden und umgehen und diese sich das auch noch gefallen lassen. Ich fürchte aber, dass auch heute noch viele Frauen genauso leidensfähig sind, wenn es um Männer geht und was diese mit ihnen machen. So antiquiert dieser Umgang auch erscheinen mag, wenn man dieses Buch heute liest, so sehr kann man einiges gewiss auch noch auf die heutige Zeit übertragen. Ich fand diese Thematik bei weitem interessanter als die Sache rund um das Showbusiness.

 

Der Schreibstil ist nicht besonders außergewöhnlich. Es gibt sehr viele Dialoge und somit wird viel erzählt. Aber trotzdem ließ es sich sehr gut und zügig lesen. Mir war keiner der Charaktere besonders sympathisch. Auch Anne nicht mit ihrer devoten Liebe zu Lyon Burke und ihrer unfassbaren Toleranz Neely gegenüber. Die Charaktere werden zwar plastisch im Laufe des Buches. Aber trotzdem ähneln sie sich alle. Die Frauen wollen alle eigentlich nur einen Mann, die wahre Liebe. Die Männer sind entweder alt oder Mistkerle, die Frauen wie Ware behandeln.

 

Das Buch wird als besonders feministisch bezeichnet. Ich weiß nicht, ob ich es so nennen würde. Dafür sind die Frauen noch viel zu bereit, sich dem Idealbild, das Männer von ihnen haben, unterzuordnen. Für mich war es ein Blick in eine vergangene Epoche und auf mehreren Ebenen dafür für mich interessant. Ich habe es gerne gelesen und bin auch froh, es endlich gelesen zu haben. Es ist auf jeden Fall ein ungewöhnliches Buch. Kein literarisches Meisterwerk aber ein vielschichtiges Zeitbild. Mir hat es gefallen.

 

Ich habe eine digitale Kopie von NetGalley.de erhalten, wofür ich mich herzlich bedanken möchte.

Todesschweigen – Claire Askew

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My German review of „All The Hidden Truth“ by Claire Askew

 

Was man sonst nur aus den Nachrichten aus Amerika kennt, passiert in Edinburgh: ein junger Mann geht morgens in sein College und erschießt 13 Studentinnen und danach sich selber. Neben dem Entsetzen und der Fassungslosigkeit stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Warum. Was waren Ryan Summers Gründe für diese Tat?

 

Dieser schwierigen Frage muss die erst kürzlich zum DI beförderte Helen Birch nachgehen. Denn etwas anderes gibt es nicht herauszufinden. Der Täter ist bekannt und tot und entzieht sich somit dem Bedürfnis der Hinterbliebenen und der Öffentlichkeit nach Vergeltung. Da dieses Gefühl aber irgendwo hin muss, gerät Ryans Mutter Moira in den Fokus eines gewissenlosen Reporters.

 

Die Geschichte wird vorwiegend aus der Sicht von drei Personen erzählt. Zum einen natürlich von DI Birch und Moira. Dazu kommt Ishbel, die Mutter der von Ryan zuerst getöteten Abigail. Zwischendurch gibt es kurze Kapitel, die aus Zeitungsberichten oder Auszügen von Sozialen Medien bestehen.

 

Das Buch hat mich interessiert, weil ich noch nie einen Krimi über dieses Thema gelesen habe. Es ist ein sehr düsteres Thema und die Trauer beider Mütter ist sehr greifbar. Die Autorin schneidet dabei interessante Themen an. Leider konzentriert sie sich aber im Verlaufe des Buches ausgerechnet auf das am wenigsten interessante Thema, nämlich der Umgang der Presse mit so einem Fall, bzw. eines bestimmten gewissenlosen Journalisten namens Lockley, dem jedes Mittel recht ist, viele Klicks und Likes in den Sozialen Medien zu bekommen. Das ist leider sehr klischeehaft und in meinen Augen auch sehr übertrieben dargestellt. Das es bedenkliche Foren im Internet gibt, in denen die unglaublichsten Verschwörungstheorien und  der Hass auf bestimmte Menschengruppen besprochen werden ist ja nun nicht so neu. So vernachlässigt das Buch leider, sich mehr mit dem Auslöser für diese schreckliche Tat zu beschäftigen oder auch damit, wie es für die Betroffenen hinterher weitergeht. Dafür geht es ausgiebig um die schmierigen Versuche Lockleys, Leichen aus welchem Keller auch immer auszugraben im angeblichen Interesse der Öffentlichkeit. Es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, herauszufinden, was einen Menschen wirklich zu so einer Tat bewegt. Vor allem, wenn er tot ist. Es ist sehr menschlich, einen Schuldigen finden zu wollen und hier entlädt sich der Volkszorn, angefeuert von Lockleys Artikeln, auf Ryans Mutter. Ich empfand es aber zunehmend als unglaubwürdig, wie sehr Lockley sich in Verschwörungstheorien hineinsteigerte und die Polizei dafür verurteilte, nicht herauszufinden, was Ryans Grund war. Die Polizeiarbeit war im Grunde erledigt.

 

Ich empfand das Buch als etwas unausgewogen und seinem Anspruch nicht ganz gewachsen. Das Erzähltempo ist auch sehr langsam und gerade zu Anfang hatte ich etwas Probleme, in die Story hineinzufinden. In weiten Teilen ist es einfach sehr detailreich geschrieben. Jeder Handgriff, jeder noch so flüchtige Gedanke wird beschrieben. Manchmal blitze eine Weile wirklich gute Erzählkunst durch und es kam so etwas wie Spannung auf. Aber die ausufernden Abschnitte waren leider in der Überzahl. Es ist kein schlechtes Buch, aber es hat mich trotz des schrecklichen Themas nicht berührt.

 

Mir wurde ein Exemplar von Randomhouse und dem Goldmann Verlag zur Vefügung gestellt, worfür ich mich herzlich bedanken möchte.

Teufels Tag – Andrew Michael Hurley

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Andrew Michael Hurley ist ein sehr talentierter Autor. Auf wunderbare Weise kann er Landschaften  und Menschen beschreiben. Das hat mich schon bei seinem Buch „Loney“  begeistert. Und das gelingt ihm auch in diesem Buch. Leider hat er vergessen, seiner Story auch ein wenig Spannung zu beizufügen.

 

Die Handlung kann man kurz und knapp zusammenfassen. Ein Mann, John,  fährt zusammen mit seiner Frau zu seinem jährlichen Besuch in sein Elternhaus. Seine Mutter ist tot, aber sein Vater und Großvater leben noch auf dem Bauernhof in einer entlegenen Gegend im Norden Englands. Nur wenige Familien leben dort, ein paar mehr in einem angrenzenden Dorf. Das Leben ist geprägt von Arbeit, aber das hat die Menschen nicht bitter gemacht. Vielmehr sehen sie es als ihre Pflicht und hadern nicht mit ihrem Leben. Natürlich gibt es viele alte Bräuche und Mythologien. So ist es selbstverständlich für sie, das der Teufel real ist und das man aufpassen muss, wo man ihm begegnet. John ist wie jedes Jahr dort um zu helfen, die Lämmer von ihren Weideplätzen hinab ins Tal zu treiben. Und irgendwie ist John diesmal klar, dass er dort bleiben muss und nicht wieder zurück in die Stadt fährt zu seinem Beruf als Lehrer. Jetzt muss er nur noch seine Frau davon überzeugen. Das wäre in groben Zügen die Handlung.

 

Natürlich passiert viel mehr und es wird viel in die Vergangenheit geblickt. Das liest sich leicht und flüssig und schon bald sitzt man mitten drin mit diesen Menschen in der Stube. Trotzdem passiert über weite Teile nicht viel. Ich hatte das merkwürdige Erlebnis, das Buch zugleich als angenehm und nett zu lesen und es auf eine andere Art als langweilig zu empfinden. Erst im letzten Drittel kam für mich ein wenig düstere Stimmung auf und es wurde einigermaßen spannend.

 

Für das Ende hatte ich eher etwas anderes erwartet. Zugleich ist mit John bis zum Schluss rätselhaft geblieben. Aber ich denke, das ist einfach der Stil des Autors, wie man schon in „Loney“ feststellen konnte. Er gibt uns nicht alle Antworten.

Mir hat „Loney“ besser gefallen. Es hatte mich mehr im Bann. „Teufels Tag“ verspricht schon mit seinem Titel etwas, was es leider nicht halten kann. Trotzdem ist es ein angenehm  zu lesendes Buch. Für eine Familiengeschichte ist es eine Spur zu düster, aber für eine Mysterystory nicht mysteriös genug.

 

Ich habe eine digitale Version des Buches von NetGalley.de erhalten, wofür ich mich herzlich bedanken möchte.

Der Vogelgott – Susanne Röckel

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„Der Vogelgott“ ist ein schaurig-schöner und doch auch rätselhafter Roman. Aufmerksam geworden bin ich durch das Buch durch eine Rezension in der Zeitung. Ein grausamer, jahrhundertealter Kult um einen mysteriösen Vogelgott, das klang doch interessant. Man sollte hier aber keinen Verschwörungsthriller erwarten. Hier geht es um die Mitglieder einer Familie, die irgendwie in den Bann dieses Kultes geraten und ihr Leben damit aus dem Takt  bringen.

 

Erzählt wird die Geschichte in vier Teilen. Zuerst lesen wir das kurze Manuskript, das der Vater, Konrad Weyde. Der zog eins aus nach Afrika, um einen Neuzugang für seine Vogelsammlung  zu finden. Konrad ist Hobby-Ornithologe und -Tierpräparator. Kaum angekommen in dem ungastlichen Ort, der nicht genauer genannt wird, sieht er riesengroße geierartige Vögel. Trotz Warnungen stellt er einem der Vögel nach. Wir erfahren, dass ihm der Fang gelingt. Aber irgendetwas geschah mit Konrad, als er dem Vogel nahe kam.

 

Konrads drei Kinder, Lorenz, Dora und Thedor, haben zwar nicht seine Liebe zu Vögeln geerbt, aber auf sonderbare Weise kommen sie alle drei mit geflügelten Wesen in Berührung. Thedor, der jüngste, treibt ziellos durchs Leben. Er ist talentfrei und ohne Ambitionen. Sein Medizinstudium bricht er ab. Trotzdem wird er eines Tages von einer Hilfsorganisation ausgewählt, nach Afrika zu reisen und dort auf einer Station zu helfen. Dora, das mittlere Kind, interessiert sich für Malerei. Sie entwickelt eine Besessenheit für einen Maler aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Schon bald sieht sie in seinen Skizzen und Zeichnungen Hinweise auf schreckliche Taten, die im Namen eines geflügelten Gottes begangen wurden. Lorenz schließlich, der älteste, ist Journalist und stößt auf eine mysteriöse Geschichte direkt in seinem Heimatort.

 

Mir hat am besten Doras Teil gefallen. Es geht viel um den –leider fiktiven- Maler Wolmuth. Seine Werke werden mit großer Intensität beschrieben und man erfährt viel kunsthistorisch Interessantes.

 

Das verstörende Erlebnis, das ihr Vater beim Fang des Vogels hatte, scheint wie ein Gift in die drei Kinder hinein geflossen zu sein. Sie alle drei entwickeln eine Besessenheit, die alles andere in ihrem Leben zurücktreten lässt. Menschen treten in ihr Leben, von denen ein merkwürdiger Geruch auszugehen scheint und die alles über sie wissen. Sie lassen ihr gewohntes Leben hinter sich, lassen ihre Ehen zerbrechen und widmen sich diesem Geheimnis, das so offensichtlich und doch verborgen um uns rum ist.

 

Wunderbar unaufgeregt erzählt die Autorin ihre düstere Geschichte. Ihre Sprache ist angenehm und flüssig. Vieles wird nur angedeutet und kann der eigenen Interpretation überlassen werden. Es ist eine leicht märchenhafte Geschichte, losgelöst vom alltäglichen und nicht näher zeitlich verankert. Man kann wirklich vieles hineindeuten. Die Grausamkeit des Krieges und das Böse im Menschen ebenso wie aktuelle Dinge oder auch über die Eigendynamik innerhalb einer Familie. Faszinierend ist dieses ungewöhnliche Buch allemal.

 

Ich habe das Buch von NetGalley zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich herzlich bedanken möchte.

The Naturalist -Auf falschen Fährten – Andrew Mayne

42179278  4 Sterne

Andrew Mayne ist mit seinem Auftakt zur neuen Serie um den nerdigen Professor Theo Cray ein echter Pageturner gelungen. Kurze Kapitel, die oft in einem Cliffhanger oder mitten in einer Situation enden, lassen einen einfach immer weiter lesen.

 

Man muss ein Herz für Nerds haben, um Theo Cray ins Herz zu schließen. Er ist hochintelligent, ein wenig umständlich und ihm fehlt ein wenig das Verständnis für das Verhalten anderer Menschen. Das  Buch beginnt rasant. Theo steht in einem Motel an der Eismaschine, als er Zeuge eines Polizeieinsatzes wird. Ein Motelzimmer wird aufgebrochen. Offenbar sucht die Polizei nach einem gefährlichen Mann. Theo sieht gespannt zu. Allerdings ist es seine Moteltür, die die Polizei aufgebrochen hat. Zu seinem großen Erstaunen sieht sich Theo als Tatverdächtiger eines Mordes verdächtigt. Die Tote ist eine ehemalige Studentin von ihm. Der Verdacht gegen Theo wird bald fallengelassen. Aber der Mord beschäftigt Theo doch sehr. Er ist darauf geschult, Muster zu erkennen, wo kein anderer etwas sieht. So fallen ihm bald Ungereimtheiten auf und er beginnt, auf höchst ungewöhnliche Art, auf eigen Faust weiter zu forschen.

 

Mir hat die Figur des Theo sehr gut gefallen. Er ist ein sympathischer Kauz. Allerdings erschien er mir nicht ganz so seltsam, wie er offensichtlich auf seine Mitmenschen wirkt. Für mein Gefühl wurde seine „Seltsamkeit“ ein wenig hochgepuscht und auf der anderen Seite die Starrköpfigkeit aller anderen ebenfalls. Theo versucht, eine bizarre Mordserie aufzuzeigen, die bisher noch niemandem aufgefallen ist. Dabei sehen wir die Dinge immer aus seiner Sicht. Das ist manchmal etwas wissenschaftlich, aber ich habe einige Bücher gelesen, die diesen Aspekt weitaus mehr übertrieben haben. Hier hält sich das Wissenschaftliche im Rahmen und ich fand vieles sehr interessant. Das  Buch ist deutlich auf Tempo ausgelegt, da bleibt kein Platz für seitenlanges Wissenschaftsgedöns. Es gelingt dem Autor sehr gut, seine Informationen kurz und knapp zu halten. Theo ist sich seiner Defizite im menschlichen Bereich deutlich bewusst. Sehr oft wird darauf angespielt, dabei halte ich ihn eigentlich für relativ normal. Vielleicht etwas naiv und weltfremd. Und sehr liebenswert. Ich habe ihn jedenfalls ins Herz geschlossen.

Das Buch hat auch seine Makel. Es ist recht stereotypisch angelegt. Es gibt das ein oder andere kleine Löchlein in der Handlung und auch glückliche Zufälle spielen oft eine große Rolle. Insgesamt läuft Theos Verbrecherjagd doch recht gradlinig ab. „The Naturalist“ ist keine fundiertes wissenschaftliches Recherchewerk und auch kein tiefgründiger Thriller. Manches wird in dem Buch angestoßen, was zu denken gibt. Aber es wird nie vertieft. Die Story hat ein hohes Tempo und ist eindeutig auf Action und Spaß angelegt. Mir hat es sehr gut gefallen. Ich weiß nicht, ob ich ein weiteres Buch der Serie lesen möchte, denn ich bin kein Freund von Serien. Aber ich habe es gerne gelesen und es hat mir Spaß gemacht.

The Hunger – Die letzte Reise – Alma Katsu

40725235  3 Stars

German book – German review

 

„The Hunger“ ist die fiktionale Erzählung einer realen Tragödie. Im Stile von Dan Simmons „Terror“ oder  „Der Berg“ gibt die Autorin der traurigen Geschichte eines unglücklichen Siedlertrecks einen Twist ins Übernatürliche.

 

Die Story beschreibt in Grundzügen die reale Reise der Donner-Party. Im April 1846 macht sich ein Siedlertreck von Illinois unter der Leitung von George Donner und James Reed auf nach Kalifornien. Durch ein paar Fehlentscheidungen verlieren sie viel Zeit. Deswegen beschließen sie, einen neuen Weg auszuprobieren anstatt den bewährten California-Trail. Sie vertrauen den Worten eines Mannes, der den Weg nur per Pferd und mit leichtem Gepäck beritten hat. Warnungen, nicht auf ihn zu hören, erreichen die Reisenden nicht mehr. Der neue Weg entpuppt sich leider nicht als die erhoffte Abkürzung. Er ist extrem beschwerlich, für Planwagen nahezu ungeeignet. Es ist eine unfassbare Anstrengung für die 87 Menschen, von denen ein Großteil aus Frauen und Kindern besteht. Sie verlieren noch mehr Zeit und werden im Oktober in der Sierra Nevada von einem Schneesturm überrascht und müssen dort Überwintern. Ihre Vorräte gehen zur Neige. Von dem mitgeführten Vieh ist das meiste auf der strapaziösen Reise verendet. Nach einigen Wochen können ein paar der Siedler losziehen um Hilfe zu holen und die Überlebenden zu retten.

 

Diese Geschichte ist schon fürchterlich genug. Die Hälfte der Siedler starb auf dem Weg. Der Rest wurde halb verhungert gefunden. Schon bald wurden Geschichten über Kannibalismus verbreitet. Was genau geschah, weiß man nicht. Die Autorin nun lässt die armen Menschen einen zusätzlichen Horror erleben. Irgendetwas verfolgt sie. Kinder verschwinden nachts aus den Zelten und werden nie mehr gefunden. Geschichten um blutdürstige Indianer machen die Runde. Einige denken, es ist einen Dämon. Anstrengung, Angst und Hunger machen die Siedler reizbar. Es kommt zu Streit und Gewalttätigkeiten.

 

„The Hunger“ hat mich interessiert, da es ähnlich wie „Terror“ eine wahre Geschichte zu einer Horrorstory verarbeitet. Dan Simmons oben erwähnte Bücher haben mir sehr gut gefallen und ich habe sie geradezu verschlungen. Alma Katsu hat allerdings nicht Simmons erzählerische Kraft. Ihr Buch ist auch viel kürzer und knapper, was aber für mich kein Negativpunkt. Sie hat den Fokus auf einige Figuren beschränkt, mit denen man schon bald mitfiebert, auch wenn man weiß, wie die Geschichte für sie ausging. Es gibt leider nur wenige, rudimentäre Landschaftsbeschreibungen. Man erfährt wenig über die Historie der Siedlertrecks in Amerika. Die gewaltige Anstrengung, die ein solcher Treck quer durch Amerika damals bedeutet, wird in Ansätzen angedeutet, bleibt aber an der Oberfläche. Als historischen Roman würde ich das Buch deswegen nicht einordnen. Es ist klar ein Horrorbuch, auch wenn mir persönlich nicht besonders unheimlich wurde während des Lesens. Mir die ganze Ursache zu wenig greifbar. Was sich dort in den Wäldern versteckt und einen Hunger auf Menschen hat, bleibt zwar nicht ungeklärt, aber doch ein wenig ein Mysterium.

 

Ich habe das Buch trotzdem gerne gelesen. Es ist nicht sonderlich umfangreich und liest sich flüssig. Katsu schreibt knapp und präzise. Ihre Figurenentwicklung ist besser als ihre Storyentwicklung, soweit es jedenfalls den Horror im Wald angeht. Die Geschichte um die Donner-Party ist ja vorgegeben und wie sie im Nachwort schreibt, ist sie nur in einigen wenigen Dingen davon abgewichen.  Das Buch hält die Balance zwischen Historie und Grusel, kratzt aber bei beidem leider nur an der Oberfläche. Die Story  um die Donner-Party und ihre realen und fiktionalen Dramen ist aber trotzdem sehr interessant und der flüssige und schnörkellose Schreibstil machen das Buch zu einem kurzweiligen Leseerlebnis.

 

Ich habe das Buch von Heyne-Verlag zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich ganz herzlich bedanken möchte.